Zukunftsideen für Zwickau und die Region – (14) “Boostknopf” statt Überholverbot für LKW

Die heutige Zukunftsidee hat nur indirekt etwas mit Zwickau zu tun. Sie betrifft ein allgemeines Thema. Da jedoch Zwickau zwischen den Autobahnen A4 und A72 liegt, hat es dadurch dennoch einen Bezug auf unsere schöne Stadt und den Landkreis.

An dieser Stelle ein kleiner Hinweis für alle, die kein Auto fahren, sie können hier getrost das Lesen abbrechen, denn sie wird das Thema nicht betreffen und es wird teilweise auch etwas technisch.

Ebenso möchte ich bei dieser Idee nicht darüber sprechen, dass es wichtig und richtig wäre, wenn viel mehr Güter auf der Schiene transportiert werden. Zu diesem Thema kommt eine weitere Zukunftsidee zu einem späteren Zeitpunkt.

Viele wissen ja, dass ich neben meiner Medienfirma noch eine Mobilitätsfirma betreibe. Durch diese bin ich sehr viel auf deutschen Autobahnen. unterwegs. Ich fahre dabei Fahrzeuge aller Klassen, vom PKW, über Transporter bis zu LKWs und Busse. Dadurch habe ich einen guten Einblick in alle Perspektiven des Verkehrs. Sehr hilfreich sind auch meine jahrelangen Erfahrungen aus der Unfallberichterstattung.

Die heutige Idee entstand naheliegender Weise auch auf einer Fahrt mit dem LKW. Zuerst sollte man den Fakt kennen, das Nutzfahrzeuge in der Geschwindigkeit technisch begrenzt sind. Bei LKWs sind das 90 km/h, bei Bussen 100 km/h und bei vielen Transportern sind es 120 km/h oder auch 130 km/h. Bei Transportern ist dies jedoch nicht gesetzlich vorgeschrieben. Daher gibt es auch “offene” Transporter, die dann auch locker mal 160 km/h auf die Autobahn bringen.

Es ist also beim Überholen oftmals kein böser Wille, wenn bei technisch begrenzten Fahrzeugen das überholende Fahrzeug nur mit einer geringen Geschwindigkeitsdifferenz an dem zu überholenden Fahrzeug vorbei fährt.

Eine weitere Kenngröße ist die Masse der Beladung des LKW. Leere LKW, sind motortechnisch so ausgelegt, dass diese bergauf, auf gerader Strecke und bergab diese Geschwindigkeit 90 km/h halten können. Ganz anders sieht es im beladenen Zustand aus. Ich beobachte es immer wieder, dass Sattelzüge dann, je nach Motorisierung der Zugmaschine, vor allem bergauf erheblich an Geschwindigkeit verlieren. Das extremste was ich ich auf der A72 erlebte, war ein Holztransport der einen Berg mit 46 km/h bewältigte. (Ich kann dies so genau sagen, weil es auf einem Abschnitt war, an dem Überholverbot besteht und ich hinter ihm fuhr). Anders verhält es sich bergab. Hier schiebt die Masse des beladenen LKWs und er erreicht kurzzeitig Geschwindigkeiten über 90 km/h.

An dieser Stelle lade ich alle ein, die ein Fahrzeug mit Tempomat fahren, einmal einen Selbstversuch zu starten. Fahren sie auf die Autobahn und stellen sie den Tempomat auf 90 km/h ein. Sie werden folgendes feststellen können. Auf gerader Strecke werden sie mit den LKWs mitfließen können. Kommt eine Bergaufstrecke halten sie mit einem PKW logischerweise die 90 km/h. Der beladene LKW vor Ihnen verliert aber an Geschwindigkeit. Das muss nicht viel sein. Schon 5 km/h weniger, zwingt sie in eine Entscheidung. Bremse ich und passe ich mich der Geschwindigkeit des vorausfahrenden LKW an und das an jedem Berg, oder entscheide ich mich, die Geschwindigkeitsdifferenz von 5 km/h zu nutzen, um am anderen LKW vorbei zu kommen? Egal welche Entscheidung ich in der Situation treffe, ich habe in dieser Situation den “schwarzen Peter”. Überhole ich nicht, habe ich eine, sich kumulierende Verzögerung auf meiner Fahrt, überhole ich, starte ich ein sogenanntes Elefantenrennen. Dieses kann sich durchaus auch mal mehrere Minuten hinziehen.

Etwas anders ist es, wenn ich mit einem Bus unterwegs bin. Dieser hat von Vornherein einen Geschwindigkeitsüberschuß von 10 km/h gegenüber dem LKW. Ein Überholvorgang Bus – LKW erfolgt dadurch problemlos.

Nun plädieren Einige (meist Leute, die noch nie einen LKW von innen gesehen haben) für ein Überholverbot auf zweispurigen Autobahnen für LKW. Das dies den Verkehrsdurchsatz erhöhen würde, ist jedoch ein Trugschluss. Einerseits gibt es auch langsam fahrende PKWs, Busse oder begrenzte Transporter, die dann auf der linken Spur den Verkehr anstelle der LKWs “aufhalten” würden und andererseits würden beladene und motorschwache LKW an Bergaufstrecken den LKW Verkehr insgesamt und dauerhaft so ausbremsen, dass die rechte Spur permanent verstopft ist. Die Folge wäre, dass ein Auffahren und Abfahren an Anschlussstellen durch den Sicherheitsabstand der LKW zwischendurch, oftmals zu einem gefährlichen Manöver wird. Das Unfallrisiko würde so erheblich steigen.

Ein weiter Fakt ist, dass es sich bei LKW Unfällen oftmals um Auffahrunfälle handelt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der LKW Fahrer auf der Autobahn unterfordert ist. Wenn man tagtäglich 9h mit 90 km/h unterwegs ist, entsteht früher oder später Langeweile und man ermüdet. Nicht umsonst gibt es für LKW- und Busfahrer strenge Regelungen für Lenk- und Ruhezeiten.

Basierend auf den gesammelten Beobachtungen und Fakten ist die eigentliche Idee entstanden, die ich jetzt vorstelle:

Man sollte in jedem LKW einen “Boostknopf” einbauen. Dieser bewirkt, dass die 90 km/h Begrenzung, solange er aktiv gedrückt wird, aufgehoben ist. Um Missbrauch zu vermeiden, erfolgt eine elektronische Freischaltung nur für 5 oder 6 Minuten pro Stunde. Außerdem muss der Einsatz des “Boostknopfes” gesetzlich so geregelt sein, dass er nur zum Überholen oder zur Gefahrenabwehr genutzt werden darf. Wer also den Boostknopf auf der rechten Spur zur Beschleunigung seiner Fahrt jede Stunde nutzt, ohne zu überholen, kann und sollte bestraft werden. Den Einsatz dieses Knopfes kann man ja auch auf der Fahrerkarte nachvollziehen.

Idealerweise sollte er sich im Bereich der rechten Hand am Lenkrad befinden, da mit der linken Hand bekanntlich der Blinker betätigt wird. In einem Display wird angezeigt, wie lange man noch die Freigabe zur Verfügung hat.

In der Praxis würde dies bedeuten, dass der Fahrer (wenn es die Motorleistung hergibt) für den Überholvorgang mehr Geschwindigkeit zur Verfügung hat. Dies würde den Überholvorgang erheblich verkürzen. So würde der Gesamtverkehr flüssiger und LKWs wären aus Sicht der PKW Fahrer keine rollenden Verkehrshindernisse mehr.

Das Ganze kann man auch mathematisch nachvollziehen. Die entscheidende Größe ist dabei die Differenzgeschwindigkeit zwischen dem LKW der überholt, zu dem LKW der überholt wird.

Hier eine kleine Tabelle wie sich die Differenz auf die zeitliche Länge des Überholvorgangs auswirkt. Ich habe beide LKW mit einer Länge von 16,5 m eingerechnet und einen Abstand vor dem Überholvorgang und nach dem Überholvorgang von 10 Metern kalkuliert.

DifferenzgeschwindigkeitÜberholzeit in Sekunden
1190,80
295,40
363,60
447,70
538,16
631,80
727,26
823,85
921,20
1019,08
1117,35
1215,90
1314,68
1413,63
1512,72

Anhand dieser Zahlen sieht man deutlich, dass wenn man die Differenzgeschwindigkeit nur um 10 km/h erhöht, sich die Zeit des Überholvorgangs erheblich verkürzt wird.

Noch viel aussagekräftiger wird die Darstellung, wenn man einen echten Sicherheitsabstand von 60 Metern vor und nach dem zu überholenden LKW annimmt. Hier sehen die Zahlen wie folgt aus:

DifferenzgeschwindigkeitÜberholzeit in Sekunden
1550,80
2275,40
3183,60
4137,70
5110,16
691,80
778,69
868,85
961,20
1055,08
1150,07
1245,90
1342,37
1439,34
1536,72

Jede weitere Erhöhung der Differenzgeschwindigkeit verkürzt die Länge der Überholvorgänge.

Diese Zahlen erklären eindrucksvoll, warum das Überholen von LKWs mit einem Bus (mit nur 10 km/h mehr Geschwindigkeit) fast keine Überhol Probleme mehr bereitet.

Solch ein Boost Knopf wäre daher eine echte Maßnahme zur Erhöhung der Durchlässigkeit der Autobahnen, die den LKW Fahrern, aber auch den PKW Fahrer Nutzen bringen würde.

Ich glaube sogar, dass damit sogar schwere Unfälle vermieden werden können. In der Praxis sieht es oft so aus, dass der LKW Fahrer, um den Überholvorgang so kurz wie möglich zu halten, so weit wie möglich auf den vorausfahrenden LKW Fahrer auf fährt. Oftmals ist der Abstand zwischen den LKWs auf 2-3 Meter geschrumpft. Verringert der vorausfahrende LKW in diesem Moment die Geschwindigkeit plötzlich, kommt es dann zu den berühmten LKW Auffahrunfällen. Diese Praxis ist zwar gefährlich und auch verboten, aber ich denke kein Fahrer eines LKW  ist gern ein Hindernis für andere Verkehrsteilnehmer.

Ebenso ist es beim Wiedereinscheren nach dem Überholvorgang. Man sieht im Spiegel sehr schlecht, wann man wirklich in gesamter Länge den zu überholenden LKW komplett passiert hat. Oftmals helfen die Kollegen deshalb mit der Lichthupe.

Auch hier gilt mein Grundsatz, intelligente Lösungen schaffen, statt Reglementierung

 

Abschließend noch ein paar Worte zu der Diskussion Tempolimit auf Autobahnen. Als jemand der jährlich 100 000 km unterwegs ist, mit den unterschiedlichsten Fahrzeugen, halte diese Begrenzung für absoluten Blödsinn. Meist sind es ja Menschen, die das fordern, die kein Auto haben oder nur selten im Fernbereich unterwegs sind. Ich möchte dies auch begründen:

  1. Es gibt Statistiken, die zeigen, das es in anderen Ländern mit Tempolimit, es genauso viele Verkehrsunfälle und Tote gibt wie bei uns, teilweise sogar mehr.
  2. Man sollte auch beachten, das man in unterschiedlichen Fahrzeugen Geschwindigkeit unterschiedlich wahr nimmt. Während in manchem Kleinwagen 130 km/h schon als grenzwertig empfunden wird, fühlt sich die gleiche Geschwindigkeit in einem Oberklassewagen an, als wenn man auf der Autobahn steht.
  3. Oftmals regelt die Verkehrsdichte die Geschwindigkeit selbst. Die A72 zwischen Hof und Chemnitz ist teilweise ohne Begrenzung. Jetzt sollte jeder mal probieren, Freitag Nachmittags schneller als 120 km/h auf dieser Strecke zu fahren. Ich glaube, da wird man mit dem schönsten Supersportwagen scheitern, weil es der Gesamtdurchsatz gar nicht zulässt.
  4. Anders verhält es sich dagegen, wenn man beispielsweise zwischen Eisenach und Chemnitz auf der A4  in verkehrsschwachen Zeiten unterwegs ist. Warum sollte man da Tempo 130 km/h fahren, wenn man drei Spuren für sich allein hat?
  5. Selbst das Thema Umweltschutz, wäre kein Argument, denn z.B. der Tesla und einige andere E-Fahrzeuge können locker mit höherer Geschwindigkeit als 130 km/h fahren.
  6. Letztendlich gibt es schon eine Art indirekte Geschwindigkeitsbegrenzung – den Benzin- und Dieselpreis. Mit jedem km/h steigen die Kosten. Dies können sich immer weniger leisten. Wer also Geld sparen möchte, fährt automatisch langsamer.

Als Fazit zum Thema sage ich daher, dass die derzeitige Regelung gut und richtig ist. Statt der üblichen politischen Verbote, sind intelligente Verkehrsleitsysteme die Lösung für mehr Sicherheit und Umweltschutz. Ein gutes Beispiel ist hier der Abschnitt der A9 zwischen München und Ingolstadt. Hier wird je nach Verkehrsverhältnissen und/oder Witterungsverhältnissen die Geschwindigkeit über elektronische Verkehrszeichen geregelt, Überholverbot angezeigt oder sogar der Standstreifen bei hoher Verkehrsbelastung für den Verkehr zugänglich gemacht. Dieser Abschnitt ist ein gutes Beispiel, wie es ohne generelles Tempolimit funktioniert.

Die Diskussion zum Thema kann man hier bei Facebook führen:

Alle Zukunftsideen findet man auch unter www.h-r.net.


Text / Foto: ©Heiko Richter 

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